Ich arbeite ja seit geraumer Zeit als E-Commerce Berater bei einem Kompetenzzentrum an der Hochschule Ravensburg-Weingarten und habe deshalb sehr viel mit Existenzgründern zu tun, die sich gerne eine Existenz über den E-Commerce (sprich "Internethandel") aufbauen wollen. In der Regel sind die Fragen, die an mich herangetragen werden technischer Natur. Viel dringender empfinde ich aber politische und strategische Fragen.
Die aktuelle Situation im E-Commerce ist schwierig. Es gibt eine Hand voll großer Player, die absolute Macht auf alle unterliegenden Märkte ausüben. Ein kleiner Lieferant hat nur wenig Chancen, seine Produkte zu seinen Konditionen abzusetzen. Aus Verzweiflung wird der Händler früher oder später seine Preise den großen Händlern anpassen und in manchen Fällen sogar ganz über dessen Plattform (eBay, Amazon Marketplace, etc.) verkaufen. Der Kleine begibt sich also in die Hände des Großen.
Muss das so sein? Ich versuche mal eine Beispielvision zu skizzieren, wie es anders funktionieren könnte (Achtung, Science Fiction ahead!):
In der Zukunft wird sich das bisherige Push-Prinzip umgekehrt haben. Zuvor hatten riesige Konzerne alle Produkte global hergestellt. Zu günstigsten Konditionen, zu schlechtesten Arbeitsbedingungen und mit endlosen Transportwegen. Niemand war mehr für unternehmerischen Entscheidungen dieser Riesenkonzerne verantwortliche. Es herrschte keine Moral mehr. Tiere wurden zu unwürdigen Bedingungen gehalten. Gewinnmaximierung war einziges Ziel.
Jetzt gilt das Pull-Prinzip. Die Verbraucher haben sich im Internet organisiert und bestimmen gemeinsam ihre Nachfrage nach allen planbaren Gütern. Diese gemeinsam getragenen Käufergesellschaften bevorzugen regionalen Einkauf. Sie haben erkannt, dass kleine selbstversorgende Einheiten in beinahe jedem Aspekt Vorteile mit sich bringen (Liefersicherheit, Frische, Qualität, etc.). Sie reduzieren so Transportwege und damit den volkswirtschaft unsinnigen massenweisen Transport von ohnehin vorhandenen Ressourcen. Die Preise sind nicht explodiert, da regionale Produzenten durch den gestiegenen planbaren Bedarf ihre Kapazitäten besser nutzen können. Aus kleinen Unternehmen wurden mittelgroße. Sie haben mehr Mitarbeiter aus der eigenen Region eingestellt. Was nicht direkt aus der eigenen Region bezogen werden kann, wird aus benachbarten Regionen eingekauft.
Die großen Konzerne haben ihre Zentralisierung aufgegeben. Sie eröffnen Filialen in den Regionen und konkurrieren auf Augenhöhe mit kleinen und mittleren Unternehmen. Sie unterliegen den selben moralischen Gesetzen und buhlen um die selben Kunden.Die Güter werden in einem kleinen Logistiknetz innerhalb der Region verschoben und können entweder vom Konsumenten abgeholt werden oder nach Hause geliefert werden. Es gibt neue Arbeitsplätze in diesem Distributionsnetz, auch insgesamt arbeitet der Durchschnittsverdiener wieder näher an seinem Wohnort, was weitere Energie-Einsparungen nach sich zieht.
Wo immer technologisch optimiert werden kann, werden Abläufe gestrafft. Schwankungen innerhalb einer Region werden durch intelligente Softwaresysteme an andere Regionen abgegeben. Die einzelne Region ist selbstverwaltend. Es herrscht Modularität. Ein Prinzip, das es in der Softwareentwicklung bereits seit Jahrzehnten gibt.
Also zu meiner Frage: Kann das so funktionieren? Wo muss das ganze beginnen? Muss zuerst die Plattform da sein? Wie überzeugt man Händler? Wie stellt ihr euch so etwas technisch vor? Bin ich ein Spinner?

